WAS IST HIER PASSIERT? Während Hannes im Café Schucan sich mit seiner Clique eine Runde Doornkaat genehmigt, sucht Inge die „Tanzschule Lore Lücke“ auf, um ein wenig mehr über die Ehefrau ihres Geliebten zu erfahren. Dort beobachtet sie die festlich verkleidete Kinderballettgruppe, die zu den Klavierklängen von Dr. Meneke das Krippenspiel aufführt. Schließlich bemerkt Lore die ungebetene Zuseherin und komplimentiert Inge hinaus. Lore hat dann beim steifen Abschlussball im Festsaal ihren großen Auftritt. Die Tanzschüler*innen absolvieren Formationstänze und halten Reden. Währenddessen hängt Hannes seinen Gedanken nach und lässt (in kurzen Rückblenden) die Weihnachtstage Revue passieren. Dann verabschiedet er sich mit einer weiteren Schwindelei („jetzt ist die Piste noch frei“), um seine Kumpels in der Kneipe wiederzutreffen.

WO? Bismarckstraße 61, 45128 Essen; Rüttenscheider Str. 62, 45130 Essen; Huyssenallee 53, 45128 Essen

GPS-Koordinaten: 51.44166, 7.00537 (heutiger Standort Tanzschule), 51.43787, 7.0052 (damaliger Standort Tanzschule), 51.44587, 7.01044 (Abtanzball)

WAS IST HEUTE ZU SEHEN? Der erste Drehtag von „Alle Jahre wieder“ fand im Dezember 1966 nicht in Münster statt, sondern in Essen – und zwar in der Tanzschule von Christiane Lentz, der ehemaligen Frau des Drehbuchautors Michael Lentz, sowie im Saalbau Essen, ein paar hundert Meter entfernt. Auch hier haben offensichtlich die Macher von „Alle Jahre wieder“ ihre persönlichen Kontakte benutzt, wenn es um die Schauplätze ihres Films ging. Die beiden Locations in Essen haben die entsprechenden münsterschen Schauplätze im Film „gedoubelt“, so wie im „Münster-Tatort“ häufig Köln für Münster herhalten muss, der Logistik wegen.

Die Tanzschule gibt es immer noch. Am neuen Standort unweit der Rüttenscheider Straße, wo früher im obersten Stockwerk eines getanzt wurde, begrüßt uns Thomas Püttmann-Lentz – der Adoptivsohn ist seit dem Tod seiner Mutter Inhaber. Der mehrfache Welt- und Europameister berichtet, dass die autobiographischen Züge des Drehbuchs viel ausgeprägter sind als gedacht und weit über das Wirken von Michael Lentz als jugendlichem Flakhelfer am Königsweg hinausreichen.

Das damalige Karstadt-Kaufhaus am Rüttenscheider Stern, in dessen Obergeschoss die Tanzschule ansässig war, ist längst abgerissen und durch ein neues Geschäftshaus ersetzt. Mehr Kontinuität finden Schauplatzjäger im Saalbau Essen, rund einen Kilometer nördlich des Rüttenscheider Sterns in der Huyssenallee. Das imposante Konzerthaus, dessen Ursprünge bis 1864 zurückreichen und das heutzutage die Philharmonie Essen beherbergt, wurde im II. Weltkrieg bei einem Bombenangriff der Alliierten zwar wie nahezu die gesamte Essener Innenstadt schwer beschädigt. Der funktionale Wiederaufbau, der 1950 abgeschlossen wurde, aber ist zu weiten Teilen heute noch in der gleichen Form zu bestaunen.

Thomas Püttmann-Lentz macht mit einem Anruf die Besichtigung des eigentlich noch geschlossenen Gebäudes möglich. Die Hauptversammlung einer Bank verwehrt uns den Blick in den großen Alfried-Krupp-Saal, aber wir sind ohnehin viel mehr am kleineren Festsaal interessiert: denn hier fand einst der Abschlussball in „Alle Jahre wieder“ statt. Der rund 200 Quadratmeter große, holzvertäfelte Saal erlaubt noch eine Zeitreise in die Welt der Lore Lücke, die sich hier, am Treppenaufgang, von ihrem Ehemann verabschiedete – zum letzten Mal? Die kleine Bühne und der markante Parkettboden mit den dunklen Linien sind exakt so erhalten wie vor rund fünfzig Jahren, in dem die Tanzschule Lentz ihre Feierlichkeiten in diesem Raum veranstaltet.

Und auch der Treppenaufgang ist ebenjener, der auch heutzutage zum Festsaal führt. Ein 90-Grad-Winkel der Treppe wurde im Schnitt gekonnt kaschiert, sodass die Filmbilder zu unseren heutigen Eindrücken passen. Man hat ihr ein modernes Geländer verpasst, und der weitläufigere Bereich am Fuß der Treppe mit der kleinen Sitzgruppe am linken Bildrand ist wohl einem späteren Umbau zugunsten eines größeren Foyers zum Opfer gefallen – mittlerweile endet die Treppe vor einer schmucklosen Marmorwand und macht einen erneuten Schlenker. Aber sie ist es, unverkennbar: „Alle Jahre wieder“ hat auch hier in Essen bleibende Spuren hinterlassen.

EINEN AUSFLUG WERT? Definitiv!

UND ALLES WEITERE? Auf 352 Seiten im „Alle Jahre wieder in Münster-Buch unter https://www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?no=24736.

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